Analyse Schützenfest - Schützenverein Hembsen

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Analyse Schützenfest

Kulturwissenschaftliche Analyse eines Schützenfestes am Beispiel des Schützenfestes in Hembsen


Kai Greupner  

BA Kulturwissenschaften Deutsche Literatur Englische Sprachwissenschaft 1. Semester
Fatimastraße 29 33034 Brakel-Hembsen 05272 5708 kaigreupner@web.de



Inhaltsverzeichnis                   
1 Einleitung  
1.1 Vorstellung der Vorgehensweise
1.2 Die Geschichte des Schützenwesens in Hembsen
1.3 Der Ablauf des Schützenfestes in Hembsen

2 Theoretische Erläuterung des „performative turn“
2.1 Der Begriff „Text“ 2.2 Was ist Performanz?
2.3 Die performative Wende und deren Vertreter
2.4 Die Auswirkungen der Wende auf die Kulturwissenschaften

3 Meine Beobachtungen zum Schützenfest 2005 in Hembsen  
3.1 Das Königspaar
3.2 Vorbereitung des Festes
3.3 Der Samstag des Schützenfestes
3.4 Der Sonntag des Schützenfestes
3.5 Der Montag des Schützenfestes

4 Analyse des Schützenfestes hinsichtlich der kulturellen Wichtigkeit und Wirkung
4.1 Bedeutung für das Königspaar
4.2 Bedeutung für den Schützenverein und die Schützen
4.3 Bedeutung für die restliche Hembser Bevölkerung

5 Ergebnisfindung und Prognose                   
5.1 Welche Bedeutung hat heutzutage die Tradition Schützenfestes
5.2 Ist ein Schützenfest ein performativer Akt?

6 Quellen-und Literaturverzeichnis




1 Einleitung


1.1 Vorstellung der Vorgehensweise

Diese Hausarbeit beschäftigt sich mit der Beschreibung und Analyse des traditionellen Schützenfestes am Beispiel meines Heimatdorfes Hembsen. Das Ziel meiner Hausarbeit ist, das kulturelle Ereignis „Schützenfest“ anhand des Beispiels Hembsen zu beschreiben und seine Besonderheiten und Wirkungen zu analysieren. Vorab muss ich jedoch klarstellen, dass sich die Analysen nur auf meine persönlichen Beobachtungen des Schützenfestes 2005 stützen.
Nach der nun folgenden kurzen Vorstellung der Geschichte des Schützenwesens und -festes in Hembsen beschreibe ich die meiner Hausarbeit zu Grunde liegende Methode, den „performative turn“. Darauf folgen im Hauptteil meine Beobachtungen des diesjährigen Schützenfestes mit der anschließenden Analyse hinsichtlich Bedeutung und Wirkung auf Teilnehmer und Zuschauer.
Im Schlussteil werde ich dann zusammenfassend eine Antwort auf die Fragen „Ist ein Schützenfest ein performativer Akt?“ und „Welche Bedeutung hat heutzutage die Tradition „Schützenfest“?“ geben. Als Quellen dienten mir neben meinen eigenen Beobachtungen die „Konzepte der Kulturwissenschaften“ von Ansgar und Vera Nünning, die Hembser Chronik „Hemmeteshus 900 bis Hembsen 2000“ von Joseph Potthast sowie Fotos vom diesjährigen Schützenfest, welche ich im Anhang der Hausarbeit beilegen werde.


1.2 Die Geschichte des Schützenwesens in Hembsen „Patrones nostres Hembsenensis“
     „Unsere Beschützer von Hembsen“

Die Ursprünge des Schützenwesens und des damit verbundenen Schützenfestes in Hembsen liegen bereits im 16. Jahrhundert. Zwar gibt es keinen offiziellen Schützenbrief, doch stehen auf der Schützenfahne aus dem Jahr 1891 die Insignien: „gegr. 24. Juni 1590“, welche heute als Gründungsbeleg gelten. Die Gründung der Schützengesellschaft war die Folge der in diesen Jahren häufig vorkommenden Angriffe auf das Dorf durch Braunschweiger Ritter.
Zur Verteidigung versammelten sich Hembser Bürger mit Männern aus benachbarten Dörfern, um gegen die Feinde zu kämpfen. Für eine bessere Organisation und Unabhängigkeit bei Überraschungsangriffen wurde schließlich eine eigene Hembser Schützengesellschaft gegründet. Nachdem in späterer Zeit keine Angriffe mehr von befeindeten Rittern zu erwarten waren, trat an Stelle der Schlachten das Schützenfest.
Das Datum des tatsächlich ersten Festes ist auch hier nicht hundertprozentig zu belegen, doch nimmt man den Befehl vom 22. April 1700: „Zum Schützenappell auf! Schützen mit sauberem Gewehr. Pulver soll ihnen gegeben werden.“ als den ersten Aufruf zu einem Schützenfest in Hembsen.
Anfangs nur als reines Fest der Schützen und ihrer Frauen gedacht entwickelte es sich über die Jahre hinweg zu einem Volks-und Patronatsfest. Seit 1920 werden nämlich die Feierlichkeiten jährlich am Sonntag nach dem Johannestag (24. Juni), dem Patronatstag der Hembser Kirchengemeinde, begangen. Trotz der immer häufiger werdenden Probleme bei der Königs-Suche hat in Hembsen bis heute jedes Jahr ein Schützenfest stattgefunden. Dies ist sicherlich eine Besonderheit, da umliegende Ortschaften entweder nur noch alle 2 Jahre feiern oder die Feierlichkeiten in ein „Dorffest“ aufgrund der oben genannten Probleme umtaufen müssen. Der Ablauf des Festes ist jedes Jahr gleich und wird von mir im folgenden Kapitel erklärt.


1.3 Der Ablauf des Schützenfestes in Hembsen

Das Schützenfest in Hembsen wird traditionell am Wochenende nach dem oben genannten Johannestag gefeiert. Ebenso zählt der folgende Montag noch zu den Festtagen. Der Samstag des Festes gestaltet sich wie folgt: am späten Nachmittag ziehen der Spielmannszug Hembsen und die Blaskapelle Rimbeck durchs Dorf und bringen dem Königspaar, den Vorstandsmitgliedern des Schützenvereins und anderen wichtigen Persönlichkeiten des Dorfes ein Ständchen. Nach diesem Umzug durchs Dorf ist in der Gemeindehalle am Abend die offizielle Königsproklamation. Anschließend findet hier, wie an den weiteren Abenden auch, ein Festball statt. Der Sonntag beginnt am Morgen mit der Patronats-Prozession. Am Nachmittag findet dann der große Festumzug durchs Dorf mit anschließendem Totengedenken, Zapfenstreich und Vorbeimarsch statt. Die Schützenmesse und das darauf folgende Schützenfrühstück mit Humpen-Trinken läuten den Montag des Festes ein, der am Abend wiederum mit einem Ball ausklingt. Anhand dieses Ablaufes werde ich nach der Erläuterung des „performative turn“ meine Beobachtungen niederschreiben.




2. Theoretische Erläuterung des „performative turn“


2.1 Der Begriff „Text“


Um die Notwendigkeit des „performative turn“ zu erläutern ist zunächst ein kurzer Blick auf die Geschichte des Begriffs „Text“ zu werfen. Bis ins 20. Jahrhundert hinein galten nur aufgeschriebene Worte als „Text“. Erst im Verlauf jenes Jahrhunderts veränderte sich das Verständnis des Textbegriffs. Zunächst galt auch jede Zusammenfügung von Worten, sei sie nun geschrieben oder gesprochen, als „Text“. Eine weitere Entwicklung nahm zusätzlich alle anderen Zeichenverkettungen, z.B. mathematische Formeln, in den Textbegriff mit auf. Die am weitesten gefasste Definition des Begriffs „Text“ schließt alle Zeichenäußerungen, d.h. geschriebene, gesprochene und abstrakte, mit ein. Somit ist sowohl ein Brief als auch eine Kinoaufführung als „Text“ zu sehen. Diese Miteinbeziehung von Performanzen in den Text-Begriff und damit auch in den Kultur-Begriff brachte eine Wende in den Kulturwissenschaften. Diese Wende wird als der „performative turn“ bezeichnet.
Zum näheren Verständnis werde ich die wichtigsten Veränderungen und Vertreter dieser Wende in den folgenden Kapiteln vorstellen und erläutern. Zunächst kläre ich jedoch die Bedeutung des Begriffs „Performanz“.


2.2 Was ist Performanz?

Übersetzt man die beiden Bestandteile des Wortes „Performanz“, nämlich „per“ und „forma“, so kommt man zu dem Ergebnis „durch die Form“3 oder „durch das Äußere“4. Eine freiere, aber dennoch treffende Übersetzung könnte demnach „Verwendung von Äußerungen“ sein. „Performanz“ bedeutet somit Aktivität, d.h. vor allem sichtbare Aktivität.
Typische Beispiele für Performanzen sind Rituale, wie z.B. Messen und Tänze, aber auch Theateraufführungen und Konzerte. Ebenso gehören Traditionen mit in den von „Performanz“ definierten Bereich. Performanzen haben immer einen oder mehrere Teilnehmer, die während der Performanz bestimmte Rollen und Aufgaben übernehmen. Da dies auch auf ein Schützenfest zutrifft, beschreibe und analysiere ich das Schützenfestes 2005 in Hembsen unter Berücksichtigung des „performative turn“. Zum besseren Verständnis schildere ich im folgenden Kapitel jedoch erst kurz die Geschichte dieses „Bruchs“ in den Kulturwissenschaften und die Veränderungen, die mit ihm einher gingen.


2.3 Die performative Wende und deren Vertreter

Die performative Wende fand Mitte bis Ende des 20. Jahrhunderts statt. Wie bereits unter 2.1 beschrieben, hatte sich das Verständnis des Textbegriffs zu dieser Zeit stark verändert. Zusätzlich begann sich in der Kunst eine neue Richtung zu bilden: die Performance. Besondere Vertreter dieser Richtung, die dem Betrachter erstmals eine Mischung verschiedenster Kunstformen anbot und ihn meist mit in die Kunst einbezog, waren Allan Kaprow, John Cage und die Künstler des „Wiener Aktionismus“. Eben zu dieser Zeit kamen auch immer neue Ansichtsweisen des Begriffs „Kultur“ auf. Die größte Veränderung des Kulturbegriffs in Richtung der performativen Wende vollbrachte sicherlich Victor Turner. Er definierte 1989 Kultur erstmals als „[...] einen Darstellungs-und Aufführungszusammenhang (performance) [...]“. Demnach war für ihn Kultur nicht mehr nur ein Oberbegriff für Reliquien und Überlieferungen. Seine Definition schloss vielmehr Handlungen und Rituale mit ein. Jedoch mussten diese keineswegs nur von Künstlern ausgeführt werden. Turner sah alle Handlungen, auch die täglichen Handlungen des „normalen“ Menschen, als Bestandteil der Kultur, deren Bedeutungsentschlüsselung ein neues Aufgabenfeld der Kulturwissenschaften werden musste.


2.4 Die Auswirkungen der Wende auf die Kulturwissenschaften

Die Einführung der Analyse von performativen Vorgängen ist sicherlich die größte Veränderung, die der „performative turn“ mit sich gebracht hat. „Kultur“ ist nach Turner jetzt auch jede Handlung, die zu beobachten ist, sei sie auch noch so klein und scheinbar bedeutungslos. Somit wird selbst die Art und Weise des Essens als eine kulturelle Äußerung angesehen. Das Aufgabenfeld der Kulturwissenschaften wächst durch diese Neu-Definition ins Unendliche. Eine weitere besondere Veränderung in den Kulturwissenschaften ist, dass die Analyse von Ritualen nach Turner ein Vergleichen verschiedener Kulturkreise möglich macht.
Victor Turner machte zum ersten Mal darauf aufmerksam, die symbolische Bedeutung hinter einzelnen Performanzen zu sehen. Somit „erfand“ er quasi den Weg, verschiedenste Kulturkreise über ein und die selbe Handlung, sei es z.B. die Nahrungsaufnahme, zu vergleichen. „Die kulturanthropologische Symbol-und Ritualanalyse sowie ihre Analyse> sozialer Dramen< sind mit diesem komparatistischen Horizont ein fruchtbarer methodischer Beitrag, mit dem der Kulturenvergleich konkretisiert werden könnte“.
Des weiteren ist sicherlich das Aufkommen von Metaphern in den Kulturwissenschaften eine Veränderung, die der „performative turn“ mit sich gebracht hat. Zwei Bespiele hierfür sind „[...] das Leben als Schauspiel“ oder „als> soziales Drama< [...]“. Somit spielt nach der performativen Wende auch die Rhetorik in der Kulturanalyse eine bedeutende Rolle.
Zusammenfassend kann man sagen, dass der „performative turn“ eine bedeutende Wende in dem Kulturwissenschaften war und die Wissenschaftler sicherlich zu neuen interessanten Denkansätzen angeregt hat. Unter Verwendung dieser Ansätze beschreibe und analysiere ich nun das diesjährige Schützenfest in Hembsen.




3. Meine Beobachtungen zum Schützenfest 2005 in Hembsen


3.1 Das Königspaar


Seit dem Königsschießen im Oktober 2004 stand fest, dass das Königspaar Hembsens im Jahr 2005 Karl Breker und seine Gattin Birgit sind. Bereits vor 25 Jahren waren sie schon einmal Regenten des Schützenfestes. Dieses besondere Jubiläum werde ich im anschließenden analysierenden Teil noch einmal aufgreifen.


3.2 Vorbereitung des Festes

Der offizielle Beginn des Schützenfestes war der Samstag und die abends stattgefundene Königsproklamation. Doch bereits einen Tag vorher fanden im gesamten Dorf kleinere „Vor-Feste“ statt. So wurde das Schmücken der Straßen mit Fähnchen und Fahnen, wie jedes Jahr, zu einem Anlass, sich auf der Straße zu treffen und die Vorfreude auf die kommenden drei Tage zu teilen. Aufgrund des oben genannten besonderen Jubiläums fand auch beim Königspaar selbst eine Vorfeier statt. Die Umbenennung der Straße „Am Holzberg“ zur „Königsstaße“, das Ständchen des Musikzuges und das große Banner vor der Haustür zeigten jedem Betrachter, dass das Schützenfest bereits inoffiziell einen Tag früher begonnen hatte. So wurde bereits hier bis in die Morgenstunden gelacht, gesungen und gefeiert.


3.3 Der Samstag des Schützenfestes

Das offizielle „Programm“ des Schützenfest-Samstags begann um 16 Uhr mit dem Ständchenbringen des Spielmannszugs Hembsen und der Musikkapelle Rimbeck. Die Liste der zu bringenden Ständchen war wie jedes Jahr lang, denn neben dem Königspaar und den einzelnen Vorstandsmitgliedern des Schützenvereins erhielten auch wichtige Persönlichkeiten des Dorfes ein Ständchen. Hierzu zählten der Pastor sowie der Ortsvorsteher Hembsens. Diese Ständchen wurden ebenso wie das Schmücken der Straße zu kleinen Festen. So gab es an jeder „Haltestelle“ gekühlte Getränke und zusätzlich im Garten des Pfarrhauses Tische und Bänke für eine längere Pause. Nach Beendigung dieses kleinen Umzuges folgte am Abend in der Gemeindehalle die offizielle Königsproklamation. Nach der ehrenhaften Verabschiedung des „alten“ Königs Thomas Kohlhagen wurde Karl Breker unter großem Jubel als neuer Hembser König vom Oberst Hubertus Büse ausgerufen. Traditionell gehörte ihm und seiner Gattin der erste Tanz des Abends, der ebenso den Festball eröffnete. Trotz der nach und nach größer werdenden Menschenmasse in der Halle, blieben das Königspaar und der Hofstaat natürlich Mittelpunkt des Abends. Deutlich wurde dies durch den wie jedes Jahr im Zentrum der Halle stehenden Königstisch, der durch seinen besonderen Schmuck und den sich darüber befundenen Königskranz natürlich noch mehr auffiel. Die Musik beendete um 2 Uhr den Ball, doch verließen viele Besucher trotz der noch bevorstehenden beiden Tagen die Halle nicht, bevor es hell wurde.


3.4 Der Sonntag des Schützenfestes

Der Sonntag des Schützenfestes begann traditionell mit der Patronatsprozession zu Ehren des Gemeinde-Patrons Johannes dem Täufer. Die Messe wurde hierfür an der Johannessäule an der Nethe abgehalten. Die folgenden vier Stationen der Prozession führten durch das gesamte Oberdorf. Eine Besonderheit der Patronats-Prozession war und ist sicherlich, dass die Lesungen an den einzelnen Stationen von Mitgliedern des Schützenvorstandes vorgetragen werden. Begleitet durch den Musikzug Hembsen und durch die Teilnahme zahlreicher Hembser Bürger war diese Prozession wie jedes Jahr ein feierlicher Beginn des Sonntags. Höhepunkt des Sonntages und sicherlich auch des gesamten Schützenfestes war der nachmittägliche Festumzug. Beginn war um 13:30 Uhr an der Gemeindehalle. Die vier Hembser Schützenzüge umrahmt durch die Spielmannszüge aus Hembsen und der Nachbarortschaft Erkeln sowie den Musikzügen aus Hembsen und Rimbeck boten aufgestellt einen großartigen Anblick. Unter dem Kommando von Oberst Büse wurde nun durch das gesamte Dorf marschiert. Die Fahnenabordnungen, Ehrengäste und natürlich das Königspaar nebst Hofstatt wurden während des Umzuges abgeholt. Natürlich gab es auch an diesen Haltestationen wieder musikalische Ständchen. Nach Beendigung des großen Umzugs wurde in Gedenken an die Gefallenen und Vermissten der beiden Weltkriege am Kriegerdenkmal im Zentrum des Dorfes ein Kranz niedergelegt. Nach der Festrede durch den Landrat Hubertus Backhaus fand dort ebenfalls, unter der musikalischen Begleitung des Spielmannszuges Hembsen und der Blaskapelle Rimbeck, der große Zapfenstreich statt. Die große Zuschauermenge und natürlich die zahlreich erschienenen Hembser Schützen gaben diesem besonderen Programmpunkt einen würdigen Rahmen. Im Anschluss an den Zapfenstreich fand an der Langen Straße der Vorbeimarsch statt. Zu Ehren des Königspaares marschierte der gesamte Festumzug zu den Klängen des „Petersburger Marsches“, teilweise sogar im Stechschritt, am selbigen vorbei. Nach Beendigung des Marsches ging es dann wieder in die Gemeindehalle. Das Nachmittagsprogramm wurde umrahmt vom Musikzug aus Rimbeck, der zu Königs-und Kindertänzen aufspielte. Abends fand in der Halle wiederum ein großer Festball statt.


3.5 Der Montag des Schützenfestes

Bevor sich am Montagmorgen alle Hembser Schützen zum gemeinsamen Schützenfrühstück in der Gemeindehalle versammelten, wurde in der Kirche die Schützenmesse abgehalten, welche wiederum zahlreich besucht war. Eine Besonderheit dieser Messe ist sicherlich, dass anstatt der sonst üblichen jungen Messdiener vier Schützen den Pastor unterstützen. Nach einem kurzen Umzug durch das Dorf begann gegen neun Uhr das oben genannte Schützenfrühstück. Ein Programmpunkt dieses Frühstückes ist die Aufnahme der Jungschützen in den Schützenverein. Dieser Akt ist jedes Jahr der Höhepunkt des Morgens, denn zum Aufnahmeritual gehört das Leeren des mit Bier gefüllten Schützenhumpens. Zu den Klängen des Musikzuges Rimbeck und unter Anfeuerungs-Rufen aller Schützen traten in diesem Jahr 10 Jungschützen in den Verein ein. Nach deren Ausmarsch löste sich die Gemeinschaft langsam auf, so dass der Nachmittag des Montags zum Ausruhen genutzt werden konnte. Der Abend des Montags war wie jedes Jahr der, an dem die Gemeindehalle am besten gefüllt war. Traditionell war an diesem Abend auch die beste Stimmung. Ein besonderes Highlight war der spontane Auftritt des Musikzuges Hembsen um Mitternacht. Hierbei wurden Lieblingsstücke des Königs sowie allen bekannte Lieder wie z.B. „Der Mond ist aufgegangen“ gespielt. Gerade diese spontanen Auftritte machen den Montagabend immer zu etwas Besonderem. Natürlich spielte die Musik an diesem Abend länger und so ging für die meisten Besucher erst am frühen Dienstagmorgen das Schützenfest zu Ende.



4. Analyse des Schützenfestes hinsichtlich der kulturellen Wichtigkeit und Wirkung  


4.1 Bedeutung für das Königspaar


Das oben genannte 25jährige Jubiläum spiegelt die individuelle Wichtigkeit des Schützenfestes für das Königspaar wider. Trotz der damit verbundenen Anstrengungen und Kosten scheute sich Karl Breker nicht, die Königswürde anlässlich des 25ten Jahrestages seiner ersten Regentschaft zu übernehmen. Für mich ist dies eine sehr deutliche Untermauerung der persönlichen Identifikation mit den heimischen Bräuchen und deren Pflege. Nicht selten gab es nämlich in vorherigen Jahren Probleme einen König zu finden.


4.2 Bedeutung für den Schützenverein und die Schützen

Dass die Tradition des Schützenfestes keineswegs veraltet ist, lässt sich in Hembsen an mehreren Punkten festmachen. Zum einen sind da die zahlreichen neuen Eintritte in den Schützenverein am Montagmorgen. Das Eintrittsalter ist hierbei auf 16 Jahre festgelegt und meistens treten auch alle Jungen in diesem Alter in den Schützenverein ein. Dies zeigt deutlich die Wichtigkeit des Vereinslebens sowie des Schützenwesens für die Jugend. Ebenso sieht man an der großen Zahl der mitmarschierenden Schützen am Sonntag, dass es fast für jeden eine Selbstverständlichkeit ist, trotz vielleicht anderer Termine am Umzug des Vereins teilzunehmen. So sah man am Sonntag selbst über 70jährige in ihrem Zug mitmarschieren, was sicherlich eine Verdeutlichung des Traditionsbewusstseins dieser Hembser Bürger ist. Eine starke Verbindung zwischen dem Schützenwesen und der Religion lässt sich sicherlich ebenso feststellen. Seien es die messdienenden Schützen oder die lektorierenden Vorstandsmitglieder: beides verdeutlicht, dass beim Schützenfest in Hembsen auch die Kirche eine bedeutende Rolle spielt. Der Name der Schützengesellschaft „St. Johannes“ unterstreicht diese Feststellung zusätzlich.


4.3 Bedeutung für die restliche Hembser Bevölkerung

Ein Punkt, der für die Wichtigkeit des Schützenfestes für die restlichen Hembser Bürger spricht, ist die Distanz, die Fortgezogene auf sich nehmen, um jährlich am Fest teilnehmen zu können. Teilweise aus Berlin oder München anreisend wird sogar extra Urlaub genommen, um auch wirklich alle drei Tage mitfeiern zu können. Die Begrüßung dieser Hembser war auch in diesem Jahr wieder besonders herzlich und das Feiern dann umso schöner. Des weiteren zeigt sich die starke Identifikation mit den heimischen Bräuchen an den prächtig geschmückten Straßen, sowohl während des Umzuges als auch während der Patronatsprozession. An jedem Haus, das durch den Umzug passiert wird, sieht man Fähnchen und Fahnen und teilweise sogar große Grußbanner an das Königspaar. Das Grußbanner am Haus des Königs hängt sogar heute, d.h. fast drei Monate nach den eigentlichen Feierlichkeiten, noch. Würden die Hembser das Schützenfest für eine überholte, alte Tradition halten, käme sicherlich nicht ein solch festliches Dorfbild zu Stande.



5. Ergebnisfindung und Prognose


5.1 Welche Bedeutung hat heutzutage und die Tradition „Schützenfest“ ?


Die bereits oben beschriebene Besonderheit eines jährlichen Schützenfestes in Hembsen verdeutlicht, dass hier trotz vieler Probleme noch Wert auf Bestandhaltung einer solchen Tradition gelegt wird. Sicherlich wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, einen König zu finden, gerade wegen der damit verbundenen finanziellen Belastung, doch zeigt zumindest die allgemeine Bestürzung über ein Jahr ohne Schützenfest im Nachbardorf, dass viele Hembser sich für den Erhalt der Tradition in Hembsen aussprechen. Ein weiteres großes Problem für das Fortbestehen von Traditionen und Vereinen ist die „Nachwuchssuche“. Teilweise müssen Vereine für mehrere Jahre ihre Tätigkeiten einstellen, da keine jungen Menschen sich zu einer Mitgliedschaft entschließen. Dieses Problem gibt es im Hembser Schützenverein bisher nicht. Fast alle 16jährigen Jungen treten jährlich in den Verein ein und tragen somit ihren Teil zum Fortleben des Schützenvereins und somit auch des Schützenfestes bei. Jedes neues Mitglied zeigt durch seinen Eintritt zudem sein eigenes Traditionsbewusstsein und seine Entschlossenheit, vielleicht sogar einmal selbst König des Schützenfestes zu werden. Die unter 4.3 beschriebene Bedeutung für jeden einzelnen Hembser Bürger zeigt zudem, dass jedem der Erhalt der dörflichen Traditionen wichtig ist und somit auch jeder seinen Teil dazu beitragen will. Abschließend lässt sich sicherlich sagen, dass Menschen, nicht nur in Hembsen, immer zusammen feiern wollen und auch werden. Zudem werden heimische Vereine gerade in der Zeit der Internationalisierung immer noch Zulauf haben, denn für viele Mitglieder bedeutet Vereinszugehörigkeit Heimatverbundenheit und Freundschaft. Diese Werte werden sicherlich nicht so schnell aus den Köpfen der Menschen verschwinden, sodass man sagen kann, dass das traditionelle Schützenfest noch keineswegs eine überholte Tradition ist und somit auch in Zukunft eine besondere Bedeutung im Gemeinschaftsleben der Menschen haben wird.


5.2 Ist ein Schützenfest ein performativer Akt?

Die performative Wende veranlasste die Kulturwissenschaftler neu zu denken. Zum ersten Mal wurden alle Performanzen als Bestandteile von Kultur angesehen. Doch inwieweit kann ein Schützenfest nun als ein performativer Akt und somit als Ausdruck von Kultur angesehen werden? Zum einen ist da bereits die Vorbereitung des Festes, das sogenannte Königsschießen. Ein Wettbewerb, d.h. eine Performanz aller Schützenmitglieder, wird veranstaltet, um einen König für das Schützenfest zu ermitteln. Jeder Schütze trägt seinen Teil zu dieser Veranstaltung bei und unterstützt somit auch das Weiterbestehen seiner eigenen heimischen Kultur. Das eigentliche Schützenfest ist in meinen Augen der Inbegriff der Performanz. Die verschiedenen Uniformen und Ränge der Schützenmitglieder zeigen jedem Beobachter, dass hier bestimmte Rollen in der Gesamtheit des Schützenvereins eingenommen werden. Beispiele hierfür sind die Kommandantur des Obersts über den gesamten Zug oder die Begleitung der Fahne durch die Fahnenoffiziere. Jedem wird klar, dass die Beteiligten ihre alltäglichen Aufgabenfelder verlassen und als Mitglied des Schützenvereins ihren Part am Fest übernehmen. Am deutlichsten zeigt sich die Performanz an der Regentschaft des Königspaares. Viele Jahrzehnte nach der Abschaffung der Monarchie wird für das Schützenfest ein solcher Brauch jährlich wieder aufgenommen. Kein wirklicher Adliger, sondern der beste Schütze des Vereins wird für ein Jahr Regent über das Dorf. Zwar unterwerfen sich die Bürger während des Schützenfestes nicht dem König, doch haben die Glückwünsche und Jubelrufe während der Festtage schon etwas Verehrendes an sich. Die besondere Kleidung des Königspaares und Hofstaats tragen natürlich ebenso wie die oben beschrieben besondere Behandlung der Regenten dazu bei. Jeder im Dorf ist am Königspaar interessiert und sei es nur um zu sehen, wie der Königin das Kleid steht. Dadurch und natürlich durch das festliche Herrichten des Dorfes und des Besuchs der Festbälle nimmt jeder einzelne Bürger am Schützenfest und somit an der Performanz teil. Somit tragen alle, d.h. sowohl Betrachter als auch aktive Teilnehmer, ihren Teil zum Schützenfest bei und übernehmen die ihnen zugeteilten Rollen. Dieses „Spielen“ von Rollen verdeutlicht klar, dass man ein Schützenfest als einen performativen Akt ansehen kann und somit die oben von mir gestellte Frage mit „Ja“ zu beantworten ist.





6. Quellen-und Literaturverzeichnis  

• Nünning, Ansgar und Vera [Hrsg.], Konzepte der Kulturwissenschaften, Stuttgart, 2003
• Pertsch, Dr. Erich, Langenscheidts Großes Schulwörterbuch, Lateinisch-Deutsch, Langenscheidt, 1999
• Potthast, Joseph, Hemmeteshus 900 bis Hembsen 2000, Hembsen, 2000



 
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